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23.08.2019

Gynäkologische Tumore: Tipps aus der Praxis Teil 1

Leitlinienempfehlungen sind als ein Teil einer evidenzbasierten Behandlung zu sehen. Daneben sind die Wünsche und Erwartungen der Patienten und die Erfahrungen des Therapeuten ebenso zu berücksichtigen. PHYSIO-DEUTSCHLAND bietet deshalb fachlich Interessierten zahlreiche Arbeitsgemeinschaften, in denen Fach- und Praxiswissen ausgetauscht und weitergegeben werden können. Gynäkologische oder urologische Krankheitsbilder werden regelmäßig in der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie (AG GGUP) diskutiert. Christiane Rothe, Physiotherapeutin in Kooperation mit der Döpfer-Schule an der Frauenklinik der TU München tätig, ist Mitglied der AG GGUP. Für unsere Reihe „Gynäkologische Tumore“ hat sie uns ein ausführliches Interview mit den wichtigsten Tipps aus der Praxis gegeben, das wir Ihnen in den kommenden zwei Wochen vorstellen werden.

Frau Rothe, als Physiotherapeutin in der Gynäkologie sind Sie häufig mit gynäkologischen Tumoren konfrontiert. Welche physiotherapeutisch relevanten Nebenerkrankungen treten Ihrer Erfahrung nach bei Endometrium- oder Vaginalkarzinom post OP auf?

In den ersten Tagen sind das die klassischen Folgen großer Bauchoperationen. Beispielsweise die Einschränkung der Atemfunktion, der Schmerz und die schmerzbedingten Bewegungseinschränkungen. Natürlich kommt auch der psychische Aspekt gerade kurz nach der OP stark zum Tragen. Der Abschied von der eigenen Fruchtbarkeit und die existenzielle Gefährdung durch die Krebserkrankung sind für viele Patientinnen sehr belastend.

Je nach Operationsverlauf muss mit einer Reduktion des pelvinen Lymphsystems gerechnet werden. Außerdem ist von einer schmerzbedingten reduzierten Aktivität der Bauchmuskulatur und einer schmerzgehemmten Reduktion der Beckenbodenmuskulatur auszugehen. Wird eine Hysterektomie mit Cervix durchgeführt, wird ein stützendes Element der bindegewebigen-ligamentären Verankerung der Organe des kleinen Beckens entfernt, das die Problematik langfristig noch verschärft. Häufige während der OP durchgeführte Probeexcisionen am Diaphragma thorakale, erschweren zusätzlich die Atmung. Übernähungen an der Blase oder am Darm können ergänzend notwendig werden. Durch die operativen Veränderungen am Omentum Majus oder minus können außerdem Blähungsgefühle und tiefe Bauchschmerzen entstehen.


Wie gehen Sie bei der Befundung solcher Patientinnen vor?

In den ersten postoperativen Tagen sollten Atembefund, VAS, evtl. Schmerztagebuch, Miktionsprotokoll, Defäkationsprotokoll, Messung der Sauerstoffsättigung und des Blutdrucks im Vordergrund stehen. Wichtig sind außerdem die Umfangmaße der Beine, die aktive und assistive Beweglichkeit der LWS und Hüftgelenke, die subjektive Einschätzung der Aktivierungsmöglichkeit des Beckenbodens, sowie Tonus, Kraft und Reaktionsfähigkeit der Bauchmuskulatur. Je nach Wundheilungsphase sollte man schnellstmöglich Aktivitäten wie Transfers, Gehen, Bücken, Heben und Tragen überprüfen.

Auch bei Anschlussbehandlungen, zum Beispiel im Rahmen einer Reha oder in der ambulanter Praxis ist es sehr wichtig, weiterhin die Red-Flags zu berücksichtigen. Bei den Patientinnen mit Endometrium- oder Vaginalkarzinom zählen dazu: Fieber, akuter Unterbauchschmerz, Harnverhalt, Stuhlverhalten, akute Schmerzen im Bereich des Dammes, oder perirectal sowie der Abgang von Blut oder serösen, eitrigen Körperflüssigkeiten aus der Vagina, der Blase oder dem Darm. Außerdem eine plötzliche Zunahme des Bauchumfangs oder eine schnelle unerwünschte Gewichtsabnahme.


Wie lange befinden sich die Patientinnen in der Regel in Therapie? Und was sollte man für einen reibungslosen Übergang zwischen Krankenhaus und Praxis hinsichtlich der Behandlungsplanung beachten?

Die Patientinnen sind je nach Operationsmethode und Verlauf zwischen 5 und 10 Tagen stationär. Bedauerlicherweise werden die Patientinnen nur in wenigen Kliniken physiotherapeutisch behandelt. Viele Patientinnen sind deshalb leider nicht entsprechend sensibilisiert und aufgeklärt, was Wundheilung und Bewältigung ihrer Symptome angeht.

Meistens erhalten nur die Patientinnen Physiotherapie, die anschließend eine stationäre Reha-Maßnahme antreten. Dort werden aber vor allem die allgemeine Ausdauer, die Fatique-Prophylaxe, die allgemeinen Folgen der Krebserkrankung behandelt und nur selten die Notwendigkeit einer spezifischen Therapie der Bauchkapsel umgebenden Strukturen gesehen. Das ist sehr bedauerlich und kann auch Jahre später noch für Folgebeschwerden sorgen. Meines Erachtens nach sollte die ambulante Physiotherapie einen viel höheren Stellenwert für die Regeneration der Patientinnen nach diesen Diagnosen und der nachfolgenden Störung der abdomino-pelvinen Funktionseinheit erhalten.