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04.09.2019

PHYSIO-DEUTSCHLAND im Gespräch mit Dr. Roy Kühne (MdB)

Sehr geehrter Herr Dr. Roy Kühne, vielen Dank für Ihre Pressemitteilung "Machtansprüche im Gesundheitswesen abschaffen" vom 16. Juli 2019. Sie fordern darin mehr Integration der Gesundheitsfachberufe in die Direktversorgung. Das begrüßen wir sehr! In Ihrer Pressemitteilung schreiben Sie (Zitat): "Was in der Realität schon längst passiert, muss gesetzlich gesichert werden, um rechtliche Unsicherheiten auf Seiten der Patienten und Anbieter auszuräumen."

Was genau soll/muss der Gesetzgeber dabei aus Ihrer Perspektive rechtlich absichern?

Es sind im praktischen Alltag zu viele Ungereimtheiten vorhanden, die den (Physio-) Therapeuten das Leben unnötig schwer machen. Nehmen wir beispielsweise die Verordnungen: Fehler bei Heilmittelverordnungen sind durch Arztpraxen verursacht, gehen aber zu Lasten der Therapeuten. Diese haften für falsch ausgestellte Verordnungen, müssen den Patienten unbehandelt fortschicken oder riskieren, auf den angefallenen Kosten sitzen zu bleiben. Retaxationen sind zu häufig Bestandteil des Verwaltungsaufwands. Generell erleben wir aber in der Patientenbetreuung das große Problem der langen Dauer von Behandlungszeiten. Bis zu drei Tage können Sie auf einen Hausarzttermin in Deutschland warten – auf einen Therapietermin warten Sie dann noch einmal bis zu sechs Wochen. Da hat die Heilmittelverordnung aber bereits ihre Gültigkeit wieder verloren, ein Therapiebeginn findet oft viel zu spät statt. Dass hier dann viele Patienten zu einer Behandlung auf Selbstzahlerkosten zurückgreifen, mag logisch sein, es kann aber nicht im Interesse einer versichertenorientierten Versorgung sein. Als Politiker muss es mein Ziel sein, die Versorgungsqualität zu verbessern, auch und besonders im Hinblick auf Wartezeiten.

Unterstützen Sie persönlich die Forderung der Berufsverbände nach Modellvorhaben zum Direktzugang in der Physiotherapie?

Ja! Therapeuten sind hochqualifiziert, durch die Weiterentwicklung der Ausbildungen und den Gewinn an der hochschulischen Ausbildung erweitern wir die Fachkompetenzen der (physikalischen) Therapie. Es ist aus meiner persönlichen Sicht unabdingbar, dass wir den Direktzugang mindestens im Rahmen eines Modellvorhabens forcieren.

Über den Umweg zum sektoralen Heilpraktiker ist es Physiotherapeuten heute schon höchstrichterlich bestätigt möglich, Patienten im Direktzugang zu behandeln. Selbstzahler, wie z.B. Privatpatienten und Beihilfeberechtigte, sprich z.B. Richter oder auch Bundestagsabgeordnete, können demnach schon seit 2009 unbürokratisch im Direktzugang behandelt werden, Kassenpatienten hingegen nicht.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Gesetzgeber dies für die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen in dieser Legislaturperiode, die Tür in diese Richtung zum Beispiel in Form von verpflichtenden Modellvorhaben ein Stück weit öffnet?

Als Berichterstatter für Heilmittel der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bin ich für alle Themen der therapeutischen Versorgung zuständig. Innerhalb der Arbeitsgruppe Gesundheit meiner Fraktion habe ich mich klar für ein Modellvorhaben zum Direktzugang ausgesprochen und mache mich auch weiterhin dafür stark. Klar ist, dass wir für ein derartiges Modell, das möglichst viele Therapeuten einschließt, eine Gesetzesänderung brauchen. Diese können wir nur erwirken, wenn wir Gesetzgeber, Ärzte und Therapeuten gleichermaßen von der Notwendigkeit überzeugen können. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Direktzugang für alle Seiten Vorteile bringt. Die Patienten profitieren von kürzeren Wartezeiten, die Therapeuten können ihr erlerntes Fachwissen direkter einbringen und so schneller in die Versorgung eingreifen. Die Ärzte rufen seit Langem nach einer Entlastung der Wartezimmer, auch für sie lohnt sich der Direktzugang. Darüber hinaus bleibt der Arzt ein wichtiger Teil der Versorgungskette – Therapeuten werden auch weiterhin vom ärztlichen Fachwissen profitieren können. Es muss darum gehen, alle Akteure miteinander für den Direktzugang zu gewinnen und nicht Einzelinteressen gegeneinander auszuspielen.

Wartezeiten sind ein großes Thema in der medizinischen Versorgung. Fehlende Kapazitäten führen auch in der Physiotherapie zu längeren Wartezeiten und Versorgungsdefiziten. Welche Ansätze sehen Sie, die therapeutische Versorgung der Patienten mittels gesetzlicher Regelungen weiter zu optimieren?

Wir brauchen mehr Therapeuten und mehr von ihnen im ländlichen Raum. Mit den Gesetzesinitiativen in den vergangenen Jahren haben wir deutliche Anreize gesetzt, um dem Therapeutenmangel entgegenzuwirken. In den vergangenen Jahren haben wir wesentliche Änderungen im Bereich der Struktur und der Vergütung erzielen können. Wir haben dauerhaft die sog. Blankoverordnung in die therapeutische Behandlung eingeführt, auch das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Direktzugang gewesen. Schon 2017 haben wir mit dem Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittel (HHVG) deutliche Vergütungsanstiege erzielt. Und mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sind erst kürzlich die höchsten Preise, die zwischen einer Krankenkasse und einem Verband in einem Gebiet vereinbart worden sind, bundesweit gültig geworden. Diesen Kurs müssen wir weiter fortsetzen. Wir müssen die Modellstudiengänge erfolgreich abschließen und danach dauerhafte Regelstudiengänge in den Therapieberufen implementieren. Der Direktzugang kann den Beruf attraktiver gestalten. Und die Verbände sollten die Chance, die wir als Gesetzgeber geschaffen haben, nutzen, um künftig bundesweit faire Preise mit den Kassen zu verhandeln.

GKV-VSG, HHVG und in diesem Jahr das TSVG – drei Gesetze in gut vier Jahren, die spürbare Fortschritte für die Physiotherapie bringen – vielen Dank an dieser Stelle für Ihren unermüdlichen Einsatz als Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages. Aktuell laufen die Vorbereitungen im Bundesministerium für Gesundheit für die Novellierung der Berufsgesetze. Nach 25 Jahren Modernisierungsstau steht hier aus Sicht der Therapeuten ein großer Wurf an. Befürworten Sie die interprofessionelle und interinstitutionelle Forderung nach einer hochschulischen Ausbildung für Therapeuten, so wie sie im Ausland seit vielen Jahren Standard ist?

Zunächst einmal möchte ich diesen Dank gerne weitergeben, sowohl an meine Kolleginnen und Kollegen in der CDU/CSU-Fraktion, als auch an unseren Bundesminister Jens Spahn MdB. Ich freue mich, dass die Heilmittelberufe in den vergangenen Jahren so viel Aufmerksamkeit in der parlamentarischen Arbeit gefunden haben, denn diese Berufe haben es mehr als verdient.

Der Wissenschaftsrat hat die Empfehlung gegeben, 10 bis 20 Prozent der Berufsangehörigen akademisch zu qualifizieren und spricht sich dafür aus, diese neuen Studiengänge primärqualifizierend zu gestalten. Diese Vorgabe sollten wir erfüllen. 2021 enden die im Jahr 2017 verlängerten Modellstudiengänge. Im Vorfeld muss Bundesminister Spahn seinen Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben an das Bundeskabinett abgeben und wir werden darüber entscheiden müssen, wie es danach weitergeht. Bereits 2017 ist bestätigt worden, dass der Stellenwert der wissenschaftlichen Kompetenzen wie ihr unmittelbarer Nutzen für die Versorgung eine Erweiterung für die Berufe darstellen. Ich gehe persönlich davon aus, dass die Evaluation der verlängerten Modellstudiengänge ebendies bestätigen wird. Wenn dem so ist, darf einer dauerhaften Einrichtung von Studiengängen im Heilmittelbereich nichts mehr im Wege stehen. Wir müssen aber beide Ausbildungswege parallel voranbringen, das akademische Studium und die der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die Überarbeitung der Berufsgesetze ist ein wesentlicher Schritt, um die Berufe weiterzuentwickeln. In gleichem Zuge müssen wir auch die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen überarbeiten. Beides hat das Bundesministerium für Gesundheit zugesagt. Hier sehe ich darüber hinaus aber auch die Verbände in der Pflicht, sich aktiv einzubringen und dem Ministerium mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Daher freut es mich, dass viele Verbände bereits in der Vergangenheit konkrete Vorschläge und Ideen eingebracht haben.

(Bildquelle: spieker-fotografie.de)